Wie ich zum Pilger wurde

Vor gut fünfzehn Jahren begann ich, meine Freizeit mit Tageswanderungen zu verbringen. Eines Tages entschloss ich mich, quer durch die Schweiz vom Bodensee bis zum Genfersee zu wandern. Ich fuhr jeweils mit dem Zug zum Endpunkt der letzten Wanderung, fügte eine weitere Wanderetappe dazu und fuhr am Abend wieder nach Hause. Sehr bald bemerkte ich, dass ich zwar schon in vielen Ortschaften und Regionen gewesen war, diese jedoch nur flüchtig wahrgenommen hatte. Das Wandern ermöglichte mir, viele schöne Gegenden unseres Landes in aller Ruhe zu geniessen. Gerne grüsste ich die Menschen, denen ich unterwegs begegnete und mit einigen kam ich ins Gespräch. So lernte ich nicht nur die Landschaft kennen, sondern bekam auch einen kurzen Einblick in das Leben der dortigen Bevölkerung. Auf meinen Tagesmärschen folgte ich eher zufällig dem "Weg der Jakobspilger", da dieser in meiner geplanten Wanderrichtung verläuft. Ich merkte jedoch bald, dass dies nicht einfach eine von Wanderfreunden erstellte Route ist. Nein, dieser Weg hatte etwas ganz Besonderes an sich und strahlte eine spezielle Kraft aus. Waren es die Kirchen, die Wahlfahrtsorte oder auffällige Wegzeichen, welche ich immer bewusster wahrnahm? Oder waren es vielleicht doch eher die Leute, die mir ein nettes Gespräch, ein Glas selbstgegorenen Mosts oder sonst eine Kleinigkeit anboten? Genau konnte ich es nicht formulieren, aber ich spürte, dieser Weg war anders als die bisherigen mir bekannten Wanderrouten.

Mit der Ankunft in Genf war eigentlich mein Ziel erreicht, doch der Jakobsweg liess mich nicht mehr los. Also nahm ich im März 2011 zwei Monate Urlaub, fuhr mit dem Zug nach Genf und marschierte auf der Route der Via Gebennensis los. Zu Beginn war es etwas beklemmend, so einfach ins Unbekannte hineinzuschreiten. Ich hatte überhaupt keine Pilgererfahrung und mein Wissen stammte lediglich aus Büchern. In Frankreich passierte ich weite Strecken, ohne je auf ein Dorf zu stossen oder eine Menschenseele zu treffen. Dabei hatte ich viel Zeit, über mich, mein Wesen, mein Dasein, meine Vergangenheit, meine Zukunft und vieles mehr nachzudenken. Mit offenen Augen bewunderte ich die Schönheit der Natur und machte mir Gedanken darüber, wie die Menschheit mit ihr umgeht. Mir wurde bewusst, wie klein ich in diesem riesigen Gefüge bin. So entwickelte ich mich langsam vom Wanderer zum Pilger.

Ich habe auf meinen Pilgerwanderungen manche Hochs, aber auch einige Tiefs durchgemacht. Aber keine Stunde davon möchte ich missen. Im Oktober 2014 stand ich mit einem unbeschreiblichen Glücksgefühl vor der Kathedrale in Santiago de Compostela. War das Pilgern damit zu Ende? Dem ist nicht so. Auch wenn ich den Jakobsweg geschafft habe, kann ich jederzeit und überall pilgern. Wichtig dabei sind die Einstellung, die Ruhe und vielleicht auch die Erkenntnis, dass über mir eine Macht ist, die ich zwar nicht sehe, jedoch sehr gut spüren kann, wenn ich dafür bereit bin. Ich habe in meinem Pilgerbuch folgende Eindrücke über das Pilgern festgehalten

Als Pilger
*         kommst du sehr schnell ins Gespräch mit den Leuten
*         kannst du an Haustüren klopfen und nach Unterkunft bitten
*         kannst du auf eine allgemeine Hilfsbereitschaft zählen
*         bist du über Kleinigkeiten, zum Beispiel wenn es nicht regnet, glücklich
*         wirst du genügsam
*         erkennst du, dass viele Probleme eigentlich gar keine sind
*         dass immer irgendwo eine Türe offensteht


Die Erfahrungen durfte ich auch wieder im letzten Herbst auf meiner Pilgerwanderung durch Oberschwaben machen.

Foto: K. Zimmermann